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Tenever

Ein Vorort als Startpunkt für eine Suche. Eine Suche nach dem perfekten Klischee und Sinnbild für Migration.
Eine Fotodokumentation.

Möchte man das Thema der Zuwanderung in Deutschland bearbeiten, so wartet dieser Teil des demografischen Wandels immer wieder mit einschlägigen Klischees auf. So beispielsweise das Sinnbild einer Großwohnsiedlung: ein Ghetto, in dem vorwiegend bestimmte ethnische Gruppen oder aber soziale Randgruppen leben. Vertieft man sich nun in diese urbane Baukultur, so stößt man unweigerlich auf sogenannte Demonstrativbauvorhaben, wie jenes, welches als Grundstein für den Bremer Stadtteil Tenever entstanden ist. Hier wurden in den 70er Jahren über 2500 von ursprünglich 4700 geplanten Wohnungen in wenigen großen Wohnblocks gebaut. Laut dem statistischem Landesamt Bremen lebten in diesem 1,7 km² großen Bezirk im Jahre 2015 knapp 10.000 Einwohner, 91 % davon mit Migrationshintergrund.

Der sich am äußersten Standrand des Bremer Ostens befindliche und im Volkmund »Klein-Manhattan« genannte Randbezirk hatte bis in die späten 90er Jahre einen durchaus schlechten Ruf – geprägt durch Gewalttaten, sexuelle Übergriffe sowie organisierte Kriminalität durch die dort ansässigen Jugendgangs. Heute, 15 Jahre, eine Komplettsanierung und ein Sicherheitskonzept später, wirkt dieser Ort trotz seiner auf engstem Raum lebenden Menge an Einwohnern wie eine menschenleere Betoneinöde. Betrachtet man das Baukonzept Tenevers geographisch, so fällt vor allem die abgeschottete Lage des Viertels auf, welches im Gegensatz zu den meisten anderen Stadtteilen durch eine Vegetationslinie von den umliegenden Bezirken getrennt ist.

Unterm Strich kann man sagen: Es sind 15 Millionen unterschiedlichste Frauen und Männer – und doch agieren viele Politiker und Meinungsmacher noch immer gleich: man weist ihnen die gleichen Problematiken zu, sagt ihnen generelle Integrationsunwilligkeit nach und diskutiert für alle pauschal die gleichen sogenannten Lösungen. Aber warum tun viele sich so schwer, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte differenziert und als normale Personen zu betrachten? Wieso bebildern durchaus angesehene Medien ihre Berichte über Integration überwiegend mit kopftuchtragenden Frauen oder bärtigen Männern vor einer Moschee?

Distanziert man sich nun jedoch von den ausgedienten Rezeptionen und altbekannten Klischees, kann man auch das dieser Tage so komplexe und gesellschaftlich aufgeladene Thema »Migration« für sich selbst kennenlernen. In Deutschland leben derzeit etwa 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Viele von ihnen wohnen in Großstädten, einige in Dörfern, es gibt Junge und Alte, sie sind teils gebildet, teils eher nicht, dann gibt es sowohl Arme wie Reiche und jene irgendwo dazwischen. Ihre Religionen gründen sich mal auf Allah, mal auf Jesus und mal auf Buddha. Es gibt sogar welche, die ohne Glauben sind. Die allermeisten sind einfach normal und friedlich, nur ganz wenige liebäugeln mit Gewalt oder fallen negativ auf.

Eigentlich liegt die Sache auf der Hand: sowenig es den »Ursprungsdeutschen« gibt, sowenig gibt es den »Migranten«. Wir sind sehr viele, sehr verschiedene Menschen – und ein Teil des Ganzen. Dies zu erkennen ist ganz einfach. Man muss nichts weiter tun als: hinschauen!